Es ist eigentlich eine Geschichte meiner Tante, die seine Frau gewesen ist. Und die sich unglaublich engagiert und tapfer verhalten hat, als es darauf angekommen ist. Wie es scheint, hat sie ihm das Leben gerettet und ihn vor dem KZ bewahrt.
Das Ganze spielte sich im Jahr 1938 ab, als die Nazis Österreich übernommen haben. Österreich hieß damals schon Ostmark. Und es war jedem klar, also auch meiner Tante, dass für Leute, die Rubinstein geheißen haben, die Sache recht ungemütlich werden würde.
Meine Tante, die allerdings Christin, also Arierin geblieben war, hat daher versucht, mit ihrem Mann zusammen auszureisen. Das war nicht sehr einfach und mit großen Schwierigkeiten versehen und ich habe selbst die Ausreisepapiere gesehen, die nebenbei gesagt einige bürokratische Gemeinheiten enthalten haben. Sie muss aber den Behörden gewaltig auf den Geist gegangen sein, denn schließlich hat sie es durchgesetzt, ausreisen zu dürfen.
Und so fanden sich die Beiden auf einem Ausreiseschiff, das zuerst einmal in England angelegt hat. Die Engländer nahmen zwar den Professor Freud, denn das war eine Berühmtheit, mit Freuden auf, aber an dem kleinen Juden aus der Aida waren sie anscheinend nicht interessiert, daher gab es keine Genehmigung. Das Schiff fuhr weiter und es stellte sich heraus, dass auch die skandinavischen Länder nicht begeistert waren, deutsche Flüchtlinge aufzunehmen und man glaubte schon, die Sache wäre damit gelaufen gewesen – Rückkehr nach Deutschland und Transport in das KZ, was sicher einem Todesurteil gleichgekommen wäre.
Die letzte Station der Reise war der Hafen Turku an der finnischen Küste und die Finnen nahmen die Auswanderer gerne auf, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie die finnische Staatsbürgerschaft annehmen mussten – eine leichte Übung. Was die Beiden sehr gerne gemacht haben.
Verbunden mit der Staatsbürgerschaft war für meinen Onkel gleichzeitig allerdings der Militärdienst und sein Vorgesetzter teilte ihn ein zu einer SS-Kompanie. Das machte meinen Onkel relativ bedenklich, denn man konnte sich vorstellen, was die SS mit einem Juden machen würde. Mein Onkel ließ sich also bei seinem Vorgesetzten melden und schilderte ihm die Bedenken. Dieser aber sagte: „Herr Rubinstein, Sie sind finnischer Staatsbürger und außerdem sind Sie jetzt Militärangehöriger. Niemand wird Ihnen ein Haar krümmen.“
Herr Rubinstein trat also den Dienst als Dolmetsch an und dolmetschte in seiner Dienstzeit zwischen Deutsch und Finnisch. Irgendwann allerdings ging auch diese Dienstzeit zu Ende und dafür hatte sich mein Onkel folgendes ausgedacht: Er werde am Ende der Dienstzeit die SSler mit seiner wahren Identität konfrontieren. Das machte er also auch und am letzten Tag stieg er auf einen Tisch und verkündete laut: „Jetzt kann ich’s euch ja sagen: Ich bin ein Jud!“ Der Scharführer sah ihn mitleidig an und sagte: „Aber Herr Rubinstein, wie Sie bei der Tür hereingekommen sind, haben wir sofort gewusst, dass Sie ein Jude sind. Prost, lieber Fred!“ Die Feier war sehr würdig und endete wie es halt in Finnland so üblich ist, mit einem Riesenbesäufnis, wo alle stockbesoffen gewesen sind. Der Jud und die SSler. So war die Feststellung meines Onkels in Wahrheit verpufft, denn dass er ein Jude gewesen ist, hat jeder gesehen.
