Kultur

Die Autos des Professor Freud

Die Autos des Professor Freud

 

Vorbemerkung: Freud war ein wohlhabender Mann. Seine Praxis lief gut, es gab genug meschuggene junge Frauen (Männer auch, aber viel weniger), die allesamt reiche Eltern hatten. Sie konnten sich psychoanalytische Behandlungen leisten, die lange dauerten, meistens keine Heilung brachten, aber die Patientinnen beschäftigten und von verderblichen Unternehmungen abhielten. Den Eltern war es recht und ein Renommee war es überdies, seinen Nachwuchs von einem berühmten Professor betreut zu sehen.

Freud hatte einen Gräf & Stift, so etwas wie den österreichischen Rolls Royce und einen Chauffeur obendrein. Ich denke, Führerschein hatte Freud keinen, war auch nicht üblich. Die Tochter Anna besaß einen Steyr 50, das sogenannte Baby, ein nettes kleines Auto.

Zweite Vorbemerkung: Der Chauffeur des Herrn Professor, ein gewisser Herr Josef Malina wurde nach dem Krieg unter anderem auch Hausbesorger in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Und hier beginnt die indirekte Beziehung zu Sigmund Freud, denn ich selbst habe ihn natürlich nicht mehr gekannt. Als er emigrieren mußte, war ich noch gar nicht geboren.

Herr Malina führte in „seinem“ Haus ein strenges Regiment, aber doch eines mit Maß und Ziel und vor allem mit leisem Verständnis für die Aktivitäten meiner Freunde und mir, die er manchmal mit der nicht ganz ernst gemeinten Drohung des „Ohrwaschelausreißens“ in die Schranken zu weisen wußte. Daß der Herr Malina dereinst Chauffeur einer Berühmtheit gewesen ist, war uns zwar bekannt, die wahre Bedeutung erfaßten wir aber damals nicht.

Dritte Vorbemerkung: Die Geschichte der von den Nazis beschlagnahmten (arisierten) Autos wurde vom Technischen Museum aufgearbeitet, sowohl der Steyr 50 als auch der Gräf & Stift fanden den Weg in den „Kurier“ und eine alte Erinnerung ist dabei in mir erweckt worden. Herr Malina war inzwischen längst gestorben, aber er hat eine Tochter hinterlassen, die auch schon eine recht betagte Frau ist, die von den verschiedensten Beschwernissen geplagt wird. Wenn es notwendig ist, versuche ich, ihr mit Rat und Tat beizustehen.

Also habe ich begonnen, nachzuforschen. Mit Hilfe der besagten Tochter, die alle Urkunden aufgehoben hatte, gelang es, die Geschichte vollständig zu rekonstruieren:

Also: Als dem Professor Freud klargeworden war, daß er das Land verlassen mußte, rief er seinen Chauffeur zu sich und eröffnete ihm, daß er ihn zu kündigen habe. Natürlich stünde dem Chauffeur eine Abfertigung zu, die er, Freud, selbstverständlich zu zahlen bereit wäre, aber er räume ihm das Wahlrecht ein, statt der Abfertigung seinen Dienstwagen, den Gräf & Stift zu übernehmen.

Klar, daß Herr Malina sich für das Auto entschieden hat, wahrscheinlich war es auch mehr wert als die Abfertigung. Also übernahm er das Auto, stellte es in eine Garage im 9. Bezirk und Freud reiste ab.

Nicht lange darauf erschien ein Obersturmbannführer Müller in der Garage und beschlagnahmte den Wagen im Namen des Deutschen Reiches. Auf die bescheidenen Proteste des Herrn Malina (bei einem Obersturmbannführer war es nicht ratsam, allzu energisch zu protestieren), das Auto sei ihm ja geschenkt worden, erklärte der SSler: „Ein Jud hat nichts zu verschenken!“ Das war es. Das Auto war weg und Abfertigung gab es natürlich auch keine. Das Geld des Herrn Professor hatten die Nazis eingesackt und dachten nicht daran, etwaige Verbindlichkeiten abzudecken.

Als ich zusammen mit der Tochter die ganze Geschichte rekonstruiert hatte, kam uns der Gedanke, daß es möglichweise eine Entschädigung der Republik für die erlittene Unbill und den Schaden geben könne. Einen Brief der Anna Freud gab es obendrein, in dem sie den Herrn Malina als „anständigen Arier“ bezeichnet hat. Also, warum sollte dieser brave Mann (respektive seine Tochter) von der Republik keine Entschädigung erhalten?

Nun gut. Ich bin ins Finanzministerium gepilgert, habe mit einigen Referentinnen gesprochen und nach einiger Zeit kam der Bescheid: Keine Entschädigung. Die Republik hat für so etwas kein Geld übrig. Und: der Herr Malina war zwar laut Anna Freud ein „anständiger Arier“, aber Jude doch nicht – also keine Entschädigung.

Als Jurist bin ich natürlich am Ende mit meiner Weisheit und Rechtsmittel gibt es da auch keines.

Die Tochter konnte ich aber nicht davon abhalten, dem damaligen Herrn Finanzminister Spindelegger einen persönlichen Brief zu schreiben, worin sie die ganze Geschichte nochmals ausführlich geschildert hat. Ein Schimmelbrief eines Unterläufels kam zurück: Nichts ist – die Republik braucht ihr Geld für andere Sachen.

Das ist das Ende der Geschichte. Schön ist das Ganze nicht und angesichts dieser widerlichen Schäbigkeit verschlägt es mir die Rede.

Wir erinnern uns: Sigmund Freud hat den Nazis geschrieben: „Ich kann die Gestapo jedermann wärmstens empfehlen.“ Soviel Sarkasmus bringe ich da nicht mehr auf. Ich kann unsere österreichische Regierung niemanden empfehlen. Aber wirklich nicht.